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Woodstock am Kapellenplatz

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Es gibt Auftritte, die schreibt man später in die Chronik. Und es gibt Auftritte, bei denen einem schon während des Singens dämmert, dass hier gerade Geschichte geschrieben wird.

Unser Debüt auf dem funkelnagelneuen Kapellenplatz in Wenningstedt gehörte eindeutig zur zweiten Sorte.
Wer genau hinschaute, erkannte die Parallelen nämlich sofort. Was 1969 im Schlamm von Bethel begann, fand an diesem Nachmittag seine maritime Fortsetzung an der Nordsee. Woodstock — das legendäre Festival, drei Tage Frieden, Musik und Matsch. Wir boten immerhin die Musik. Und ein, zwei Widrigkeiten obendrauf, damit sich das Publikum wie bei den ganz Großen fühlen durfte.
Erstes Merkmal eines echten Kultauftritts: Probleme mit dem Sound. Auch die Herrschaften am Mischpult von Woodstock haben seinerzeit geflucht, gekabelt und improvisiert — und genau in dieser ehrwürdigen Tradition standen wir. Mal war die Technik einen Tick zu leise, mal brummte sie, als ob sie überhaupt keine Lust hatte. Wir haben es genommen, wie es kam: Ein Shanty-Chor, der sich vom Wind übertönen lässt, hätte ohnehin den falschen Beruf gewählt. Zur Not singt man eben eine Nummer lauter als die Anlage.


Zweites Merkmal: das Wetter. Hier trennte sich dann doch die Spreu vom Sylt. In Woodstock goss es wie aus Eimern, das Gelände versank im Schlamm, und die Leute tanzten trotzdem. Bei uns blieb es zwar weitgehend trocken — dafür lieferte die Nordsee eine Frische, die man höflich als „belebend” und ehrlich als „ziemlich frisch” bezeichnen muss. Wo die Woodstock-Generation ihre Regenjacken auswrang, klemmten sich unsere Zuhörer die Hände unter die Achseln. Beides ist Rock ‘n’ Roll, nur eben in verschiedenen Aggregatzuständen.


Und trotzdem — oder gerade deswegen: Es war ein wunderbarer Nachmittag. Der Kapellenplatz hat sich als Bühne wacker geschlagen, das Publikum stand tapfer und gut gelaunt in der frischen Brise, und der Chor hat bewiesen, dass ein bisschen Sound-Chaos und ein kühles Lüftchen eine gute Stimmung höchstens anfeuern.
Am Ende fehlten uns zwar die halbe Million Besucher, das Schlammbad und Jimi Hendrix. Aber ehrlich: Für einen Debütauftritt in frischer Nordseeluft mit widerspenstiger Technik haben wir uns tapfer geschlagen — und das ganz ohne drei Tage Regen.